Religionspädagogik
Religionspädagogische Kompetenz gehört zu den wesentlichen Qualifikationen, die von Erzieherinnen und Erziehern in katholischen Kindertageseinrichtungen erwartet wird. Durch entsprechende Aus- und Fortbildung lernen Erzieherinnen und Erzieher z.B. entwicklungs-psychologische Erkenntnisse auch auf den Bereich der Religiosität anzuwenden. Die zu entwickelnden religionspädagogischen Kompetenzen umfassen ein breites inhaltliches Spektrum:
- Kind- und altersgemäßes Sprechen von Gott und Religion, ohne Über- und Unterforderung
- Vermeidung religiöser Sprachformen und Darstellungsweisen, die dem Übergang ins Jugend- und Erwachsenenalter nicht standhalten können
- Vorsichtige Einübung in das Sprechen mit Gott (Gebet)
- Ablösen der Eltern als "erste Götter" (lebensspendend, heilend, schützend, allmächtig etc.) im Versuch, positive Erfahrungen mit Mensch und Welt durchsichtig zu machen auf eine "dahinter" liegende Kraft und Wirklichkeit, die die Welt und den Menschen hervorgebracht hat und trägt und die wir Christen Gott nennen (Transzendenzerfahrung)
- Das aktive Integrieren negativer Erfahrungen als natürlicher Einschränkungen und Herausforderungen reifenden Lebens
- Das Einüben christlicher Grundhaltungen (ohne das Christentum dabei pädagogisch auf seine Ethik zu reduzieren), wie z.B.:
- "Glücklichmachen macht glücklich" (Nächstenliebe)
- "Vergebung schenken und erbitten macht frei"
- "Auch eine Seele muss man manchmal waschen!"
- "Hass und Rache sind nicht süß, sondern machen uns
bitter!" (Selbsterkenntnis) - "Warten (können) ist nicht immer ein Mangelzustand!" (Advent)
- "Schenken macht den Schenker reich!" (Weihnachten)
- "Verzichten können macht stark!" (Fastenzeit)
- "Was man teilt hat jeder ganz!"
- "Danken können macht weise!" (Muttertag, Erntedank)
- "Berührbar bleiben macht zwar verletzlich, aber "cool" ist Liebe nicht zu haben!"
- "Gott und die Liebe sind stärker als der Tod!" (Ostern).
Glaubenserfahrung ist Wirklichkeit
Durch Einführung in die Symbol- und Zeichensprache des Religiösen können erste Spuren für den Erkenntnisweg gelegt werden, dass Religion nicht dem Vernunftgebrauch widerspricht. Glaubensinhalte und Glaubenserfahrung sind Wirklichkeiten, die sich eher symbolisch und zeichenhaft ausdrücken lassen als "handfest" (wissenschaftlich, empirisch, beweisbar, rational). In unserer materiell und zweckrational orientierten Welt gilt Symbolisches als mangelhafte Form von Wirklichkeit. Symbolisch und in Zeichen ausgedrückte Wirklichkeiten sind aber nicht weniger wahr! Es gibt Vieles, was sich überhaupt nur mit Symbolen und Zeichen erfahrbar machen lässt. Das gilt vor allem für die Liebe, aber auch für Hoffnung, Vertrauen u.a. Ein Kuss, eine Umarmung sind niemals "nur symbolisch" gemeint. Sie enthalten vollständig das, was sie bezeichnen.
Die Ausdrucksweise des Religiösen wechselt kaum merklich die Realitätsebenen. Dem muss man im Weitergeben Rechnung tragen. Zum Beispiel: "Jesus von Nazaret" einerseits und "Christus" und "Sohn Gottes" andererseits sind Aussagen auf unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen. Die erste Aussage ist mehr historisch, die beiden anderen sind mehr theologische Glaubensaussagen. Der Unterschied ist ungefähr so wie bei den Sätzen: "Eine goldene Uhr ist teuer." und "Du bist ein Goldstück!".
Wer von Gott und Jesus erzählen will, wer Kinder mit der Bibel, ihren Gestalten und Geschichten vertraut machen will, wer sie auf das kirchliche Leben in und mit den Sakramenten (Gottesdienst) vorbereiten will, muss die Kinder (wie in eine Fremdsprache) in die religiöse Symbolsprache einführen. Das geht nicht automatisch und es ist nicht mit "Erklärungen" getan. Es ähnelt eher dem Einweihen in ein Geheimnis. Nur so können Kinder die heilsame, orientierende und Gemeinschaft stiftende Kraft biblischer Geschichten, kirchlicher Feiern und religiöser Rituale erfahren. Nur so geraten biblische Geschichten wie z. B. von der Erschaffung der Welt oder den Wundern Jesu bei den Kindern nicht früher oder später in Widerspruch zur Vernunft und wissenschaftlichen Weltsicht. Nur so gelingt auch ein "inwendig" Lernen von z. B. Formelgebeten, Kreuzzeichen, Verneigung, Kniebeuge etc.
Methoden zum Erschließen religiöser Inhalte
Religionspädagogische Kompetenz wählt darum auch in der Regel ganzheitliche Methoden zum Erschließen religiöser Inhalte. Natürlich spielt sie und erzählt und liest Geschichten. Sie spricht dabei aber bewusst die Sinne an, Körper und Geist, Herz und Seele. Sie arbeitet mit Bildern, Klängen, Düften, Legematerialien. Sie knüpft an Lebenswelterfahrungen der Kinder an und weist den christlichen Glauben und seine Inhalte als konkrete Antworten auf konkrete Lebensfragen aus. Oft wird man daher mit den Kindern zunächst das intensive Wahrnehmen von Welt trainieren: das Schauen, Hören, Tasten, Fühlen, Schmecken, Riechen. Man wird sich Zusammenhänge des Kreislaufs und der Kräfte in der Natur, der Einflussnahme und technischen Fähigkeiten des Menschen erschließen. Dann wird man mit den Kindern das Fragen lernen, das Ausdrücken dessen, was man denkt und fühlt, wonach man sich sehnt, vor was man sich ängstigt etc. Um so schließlich dem Potenzial der Deutung des Lebens (Lebensdeutepotenzial) des Religiösen näher zu kommen.
Die Pfarrgemeinde übernimmt für diese religionspädagogische Qualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher in katholischen Kindertageseinrichtungen Mitverantwortung, indem sie die theologischen und religionspädagogischen Fähigkeiten ihrer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern multiplikatorisch in die Einrichtungen einbringt.
Die Wirksamkeit dieser pastoralen Arbeit in Kindertagesstätten potenziert sich, wenn es gelingt, auch in der Elternarbeit religionspädagogische Akzente zu setzen.
Wiesbaden, 17.12.04
Stefan Herok, Religionspädagogisches Amt, Roncalli Haus
